Heike Fuhlbrügge


ONLY THE INTENSE CAN DANCE WITHOUT MOVING

 

Für Robert Munteans neue Serie mit sechs groß- und zwei kleinformatigen Ölbildern ist der Titel “Only the intense can dance without moving” Programm: Denn dieses Zitat aus einem der sperrigen Songs der legendären brit Band “The Pop Group” gibt den inneren Pulsschlag und Credo dieser Arbeiten vor.

Wie intensiv Muntean das Medium der Malerei nach seinen Möglichkeiten befragt, zeigt sich in diesen neuen Arbeiten. Ihre Formulierung ist abstrakter, er öffnet
 den Raum, lässt Farbschichten weg und das Weiß des Untergrundes stehen. Dafür verlässt der Künstler sein gewohntes Terrain der verdichteten, teppichartigen Farbschichten und schwingenden Resonanzebenen.

Sein Bezug zur Musik des Noise und Avantgarde Rock, mit seinen Harmonien zersetzenden Kakophonien und Geräuschsequenzen geben dafür letztlich den Anlass. Sie bringt Muntean selbst an die Grenze des Mediums der Malerei. Denn so pur und unverstellt wie diese Musik, ist nun auch der Malprozess - ohne Korrekturen. Diese sind ohne die Farbschichten nicht mehr möglich, wie beim First Take in der Musik muss jeder Strich sitzen. Die erste Idee, Komposition und Rhythmus bleiben nun zwingend auf der Leinwand stehen und können nicht unter einer weiteren Farbschicht verschwinden. “Alles hat nun Bedeutung”, so der Künstler, “ist reduziert und wesentlicher.” Die Leinwand ist von den Farbschichten befreit, die Leerstellen generieren Zwischenräume, mal scheinen diese in die Fläche einzudringen oder auch herauszutreten.

Darin verwoben ist sein Figuren- und Symbolrepertoire, das Muntean aus kunsttheoretischen und ideengeschichtlichen Bezügen einspeist. Motivzitate wie die Figur des französischen Malers Cézanne in der Arbeit “The Experimentalist” (2015) oder der Stürzende nach William Blake in “The Great Bellow” (2015) treten überraschenderweise erst nach mehrmaligem Betrachten wie Schatten und Echos hervor. Bereits das klassische Motiv des Fallenden zeugt von Munteans Auseinandersetzung mit dem Thema Raum. Die komplexe Darstellung des stürzenden Ikarus beispielsweise ist profunder Bestandteil eingeschriebener, kunsthistorischer Diskussion um die Gestaltung des Körpers und seine Ansichten im leeren Raum. Zudem
 stehen die Figuren oftmals gegen jede Sehgewohnheit auf dem Kopf, dadurch verweigern sie sich der Narration, sind weniger eindeutig. Der Fallende in den antiken Mythen wie Ikarus, Tantalus, Ixion und Phaeton sind Grenzüberschreiter, verlassen den regulierten Raum, sie werden gestürzt weil sie gegen die göttliche Ordnung opponieren.

Die Umkehr und somit Spiegelung der Figur wird in philosophischen und psychoana- lytischen Texten wiederum mit Selbsterkenntnis, Selbsterschaffung und Selbstzerstörung in Zusammenhang gebracht. Sigmund Freud leitet seine Theorie
der Melancholie vom Spiegel des Narziss ab, Jean-Paul Sartre sieht die Entstehung des Selbstbewusstseins im Blick des Anderen begründet.

Am weitreichendsten, vor allem im Hinblick auf Kunstproduktion und Kunsttheorie, war jedoch Jacques Lacans Aufsatz “Das Spiegelstadium als Bildner der IchFunktion”. Darin beschreibt der französische Analytiker und Philosoph, dass sich die bis dahin disparate Identität eines Kleinkindes über die zentrierende Kraft des Spiegelbildes konstituiert, indem das Kind sein eigenes Bild freudvoll erkennt.

Auch die Arbeit “La Bas” (2015) bezieht sich auf eine Umkehr und Reflektion über gesellschaftliche Gegenräume. Der Titel spielt auf den berühmten gleichnamigen Roman (1891) des französischen Kult-Schriftstellers Joris-Karl Huysmans an. Darin beschreibt er den von ihm intensiv erforschten religiösen Rosenkreuzer Untergrund. Die Handlung des Romans gipfelt in einer detaillierten Beschreibung einer orgiastischen schwarzen Messe. Huysmans, der zutiefst vom Satanismus fasziniert war, ließ sich durch okkulte Literatur und Schwarzmagier inspirieren, die ihn so Huymans, “ins dunkle Reich, dort unten, wo der Teufel in obszönen und blutrünstigen Messfeiern verehrt wird”, führten.

Robert Muntean verbindet das Medium der Malerei mit dem Medium der Musik für eine selbst- und medienkritische Befragung. Ins Zentrum setzt der in Berlin lebende Künstler das Medium der Malerei sowie den Künstler selber und generiert mit seinen jüngsten Arbeiten den Lackmustest: Was ist Malerei heute noch? Eine radikale Schau von Grenzbereichen.

(2015)